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October 21 Gedanken eines VampirsObwohl ich durchaus auch am Tage nach draußen gehen kann, bevorzuge ich die Nacht. Das mag daran liegen, dass die Normalsterblichen um diese Zeit schlafen, wenngleich sich dieses Verhalten in den vergangenen Jahren zusehends verändert hat. Früher - das weiß ich noch genau - war die Nacht still, weil die Menschen die Dunkelheit fürchteten - und die Dämonen, die jene Tageszeit für sich beanspruchten. Jedes Lebewesen braucht seine Nische - die unsere ist der Zeitraum zwischen Sonnenuntergang und dem ersten Dämmerlicht des Morgens. Sie war es. Inzwischen führen die meisten meiner Artgenossen ein Leben, das dem der Menschen entspricht. Ja, sie haben sogar gelernt, feste Nahrung zu sich zu nehmen.
Nur die wenigsten können es sich noch leisten - und das meine ich nicht metaphorisch - ihren Lebensabend dem Mondschein zu widmen. Ich stehe nun mehr ebenfalls an dieser Grenze.
Die heutige Zeit ist sehr schwierig für unsereins. Bis vor wenigen jahrhunderten tummelten wir uns in den Adelsschichten, feierten und genossen die uns dargeboteten Früchte in vollen Zügen, nicht selten fanden wir Gefährten, die einige Jahre an unserer Seite verweilten, bis sie schließlich verstarben. Es war anders damals. Einfacher.
Ich stieg aus dem Bett meines Einzimmerapartements und ging ins Bad. In weniger als einer Stunde hatte ich ein Vorstellungsgespräch in einer Import-Export-Firma. Der Chef war einer der unseren, deshlab fürchtete ich keine Ablehnung. Wir waren selten geworden, aber unsere Netzwerke organisierter. Wir halfen einander wo wir konnten. Die jüngeren hatten es in dieser Hinsicht leichter. Sie wuchsen bereits mit den Veränderungen auf und konnten sich auf sie einstellen. Jemand meines Alters, der Jahrhunderte überdauert, Kriege gefochten und Zivilisationen hat verschwinden sehen, fiel es unsäglich schwer, sich auf die modernen Maschinierien einzustellen. Oh, Züge kannte ich sehr wohl - die alten, rauchspuckenden Ungeheuer. Ich blickte in den Spiegel, in die alten, müden Augen, deren silbriges grau langsam verblasste. Entgegen des irrigen Glauben der Menschen sind wir nicht unsterblich. Wir haben eine höhere Lebenserwartung, aber selbst für uns kam irgendwann die Zeit, wo wir dem irdischen Leben abschwören und in eine andere Existenzebene aufsteigen. Wir sterben nicht direkt, wir sind nur einfach nicht mehr da. Materielose Geschöpfe, die - lebend - Raum und Zeit durchqueren auf der Suche nach einer Aufgabe. Vielleicht werden wir wiedergeboren in einer anderen Welt, aber auch nach fast fünf Jahrhunderten des Studium hatte ich darauf keine Antwort gefunden. Das Einzige worauf ich hoffen kann, ist mein eigener Tod, der mir die Antwort offenbaren wird. Ich fürchte das Ende nicht. Wer so viel erlebt und gesehen hat wie ich, fürchtete nur noch wenig. Aber mich ängstigt die Vorstellung, dass mein Tod nicht meinen Wünschen entsprechend eintritt. Ich kannte Artgenossen, die von einer auf die andere Sekunde verstarben - zum Teil während eines Gesprächs. Wenn der Tod kam und ich nicht vorbereitet war, gelangte ich dann ins Jenseits? Oder würde ich zwischen den Welten herumirren wie ein Geist?
Die Augen im Spiegel gaben mir keine Antwort. Sie wussten es nicht. Manchmal, wenn ich wie jetzt meinen Gedanken nachhing, stelle ich mir vor, wie ich meinen Lebensabend in einem kleinen Holzhäuschen wohnend an einem See verbringe, mir die Sonnenuntergänge ansehe und die sanften Spiegelungen des Mondlichts auf dem sich wellenden Wasser beobachte. Die Aussicht, dass ich den letzten kläglichen Rest meines Lebens damit verbringen sollte, arbeiten zu gehen, widerstebte mir sehr. Jemand, der wie ich, in Adelskreisen geboren wurde, ist es nicht gewohnt zu arbeiten. Leider kümmert es die Damen und Herren vom Finanzamt recht wenig, ob ich aus einem Königsgeschlecht stamme oder nicht. Ihr Interesse gilt meinem Geld, das in den letzten Jahren beständig weniger geworden ist. Horente Steuern plagen mich genauso wie die steigenden Lebenserhaltungskosten. Ich spare, wo ich kann, an jedem Zipfel, aber dennoch häufen sich Summen an, die meine Ersparnisse verschlingen. Nein, diese Zeit war wirklich sehr feindselig.
(Fortsetzung folgt)
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